Einführung
Des Menschen Sinne suchen unentwegt eine Objektivität, die es nicht gibt, weil es nichts Subjektiveres gibt als eben die menschliche Wahrnehmung. Deswegen ist es eine kulturelle Leistung des Menschengeschlechts, dass es sich seine Wahrnehmung geordnet hat, Verabredungen getroffen, Sprache entwickelt und Bilder gemacht, auf denen der eine wiedererkennt, was der andere erfahren hat. Auch die Bildende Kunst kommt ohne den Kontext nicht aus
In den Arbeiten von Bernd Steinkamp bedient er sich freimütig im großen Baukasten der Wirklichkeit, er bildet sie aber nicht ab, Bernd Steinkamps Malerei ist dennoch im Realismus einzuordnen, denn wir erkennen das Meiste des Dargestellten fraglos wieder, auch wenn uns die Proportionen gelegentlich verunsichern mögen und uns die Kontexte bisweilen skurril erscheinen. Wer wachen Sinnes und offenen Herzens diesen Bildern entgegentritt, kann sich kaum dem unbestimmbaren Zauber entziehen, den Bernd Steinkamps Werke ausstrahlen. Das beginnt für mich mit dieser einzigartigen Strahlkraft, der Farbigkeit und dem Witz, die mir auf den ersten Blick entgegentreten. Ein Geheimnis dieser Faszination scheint mir zu sein, dass nichts in diesen Gemälden maßstabsgetreu ist – wohl jedes Objekt für sich, aber kaum eines zum anderen, erst recht nicht gattungsübergreifend. Die unzuverlässigen Proportionen in der steinkampschen Bilderwelt irritieren aber nicht nur unser Formenverständnis und unser Augenmaß, sie stellen unbedingt auch Hierarchien in Frage, die uns selbstverständlich scheinen.
Da scheint besonders zwischen den Tieren und den Menschen etwas im Ungleichgewicht in der Bilderwelt des Bernd Steinkamp, und wie die Königin der Schöpfung taucht immer wieder groß und wunderschön die majestätische Giraffe auf. Es sind reichlich Zitate zu finden in Steinkamps Bildern, in ihrer Summe stellen sie ein Kaleidoskop des Weltengeschehens dar, aufgelistet und ausbalanciert nach eigenen Regeln, wobei das Tier niemals seine Würde verliert, der Mensch indes nicht selten
Geistliche und politische Würdenträger, erotische Ikonen, sinnbildliche Matadore, Picassos mehr oder weniger abstrakte Stiere, reichlich zusammengelogene Exemplare aus dem Katalog der Schöpfung, all das ergibt ein collagiertes Panoptikum, in dem alles echt erscheint und nichts wahr ist. Denn die Kunst ist frei, und hier im Sinne einer Freiheit davon, Wahrheit sein zu müssen. So findet sich eine eigene Wahrheit in Bernd Steinkamps Bildern: Sie entsteht aus diesen Beziehungen der Objekte zueinander, aus dem Kontext: Ein realer Torero umspielt einen Stier aus Pablo Picassos Hand, das ist vielleicht nur eine Art Accessoire, vielleicht aber auch der Ausgangspunkt für mehr.
Bernd Steinkamp vermittelt keine plakative Botschaft, keine Programmkunst, aber sein Werk ist dennoch mehr als eine beliebige Ansammlung von Abbildungen. Die Beziehung zur Realität bleibt dabei fragwürdig. Zum einen spielt der Künstler unaufhörlich mit den geläufigen Proportionen, malt manches aus, deutet anderes nur an, überall sind Geschichten initiiert, aber nichts wird auserzählt. Was zunächst ausschaut wie eine kunstfertige Sammlung von Wimmelbildern, kommt mir vor wie lauter Erzähl-Bausätze, Baukästen für Geschichten, die allesamt ungeschrieben sind, weil jeder Betrachter sie sich selbst zusammenschauen, zusammenreimen muss. Diese wunderbar kreative Aufgabe hat Bernd Steinkamp seinem Publikum gottlob nicht abnehmen wollen.



